Nilbar Güreş: Grow

Belvedere, Wien, Österreich, 23.09.2022–08.01.2023

Nilbar Güreş: Grow

Nilbar Güreş, Headstanding Totem, 2014, c-print

Baum der Erkenntnis, Baum des Wissens, Achse der Welt: Entlang dieser Erzählstränge widmet sich die Ausstellung GROW dem Baum als Sujet in der Kunst und seiner Beziehung zum Menschen. Bäume begleiten unser Leben – als Sauerstoffquellen, Schattenspender, Ruhepole. Kulturell war der Baum zu allen Zeiten symbolbehaftet – Mysterium, Wissensträger, Zeichen der Stärke und der Kraft oder Vorbote ökologischer Fehlentwicklungen.

Generaldirektorin Stella Rollig: „Mehr denn je wird der Baum in der aktuellen Klimakrise als Gefährte wahrgenommen, dessen Gedeih und Verderb unmittelbar spürbare Auswirkungen hat, in jedem Fall emotionale. Es ist schmerzlich, wenn ein Baum in der eigenen Straße abstirbt, und die ferne Abholzung des Regenwalds macht Angst. Dieser tiefen Verbundenheit des Menschen mit dem Baum geht die Ausstellung nach.“

Über die Jahrhunderte hinweg war der Baum für den Menschen eine Projektionsfläche für sein Verhältnis zur Natur und für Fragen zur eigenen Identität. Die Ausstellung im Unteren Belvedere schlägt eine thematische Brücke vom Baum der Erkenntnis zwischen Gut und Böse über den Baum des Wissens bis zum Baum als metaphorischer Achse der Welt. Vom Spirituellen über das Rational-Erfahrbare bis zum ökologischen Statement erstreckt sich ein thematischer „Zweig“, der die Bedeutung des Baums in der Kunst erläutert. Ob als düsteres Mahnmal der strafenden Ewigkeit wie in Giovanni Segantinis Die bösen Mütter oder als friedlicher Beobachter einer intimen Geschichte wie in Blühende Kastanien von Emilie MedizPelikan – der Baum steht in der Kunst jeweils für die auf ihn projizierten Eigenschaften. Nilbar Güreş’ Headstanding Totem aus dem Jahr 2014 ist die zeitgenössische Version einer 3 mythologischen Figur, die in enger Verbindung mit dem Baum auch als Appell an unsere Sensibilität der Umwelt gegenüber gelesen werden kann.

Kurator Miroslav Haľák: „Die Auseinandersetzung mit dem Baum als Sujet überrascht durch ihre emotionale Aufladung – Menschen haben den Baum über die Jahrhunderte hinweg mit humanen wie göttlichen Zuschreibungen belegt. Der personifizierte Baum ist Wächter, Einzelgänger, soziales Wesen, Zuhörer, Beschützer oder Klimaretter.“

Die Präsentation lädt Besucher*innen zu einer Auseinandersetzung mit spirituellen Vorstellungen, inspirierenden Formfindungen und philosophischen Konzepten ein. Vor allem stellt sie in einer Zeit von Waldbränden und -rodungen drängende Fragen zu Gefahren inmitten der Klimakrise und setzt dabei in der Realisierung bewusst auf nachhaltige Materialien und Strategien. Über eine kunsthistorische und -theoretische Aufarbeitung eines wichtigen Motivs hinaus will die Schau so auch zur Debatte über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt sowie über die Bedingungen unseres Weiterlebens beitragen.

Die Werkauswahl basiert auf der Sammlung des Belvedere, ergänzt durch ausgewählte Leihgaben. Die gezeigten 102 Werke, darunter Gemälde, Skulpturen und Installationen, spannen einen Bogen vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Zwei Installationen und eine Wandmalerei im Eingangsbereich wurden speziell für diese Ausstellung gefertigt.

Der Aufbau der Ausstellung orientiert sich an den Themenkomplexen Baum der Erkenntnis, Baum des Wissens und Achse der Welt. Er zeigt auf, wie sich Motive der Baumikonografie quer durch die Geschichte auffinden lassen. In diesen drei Abschnitten zeigt GROW unterschiedliche Perspektiven auf den Baum: als Symbol und Vermittler zwischen Übernatürlichem und Menschlichem, als Objekt der Wissenschaft und Quelle der Inspiration und als warnendes Signal ökologischer Entwicklungen. In den jeweiligen Bereichen werden Begriffe wie „Verwandlung“ im Sinne des Übernatürlichen, „Spiegeln“ – der Baum als Projektionsfläche – oder „Instrumentalisierung“, etwa in der NS-Zeit behandelt. Auch die barocke Architektur der Ausstellungsräume wird in die Erzählung integriert – ein Gipsmedaillon 4 von Santino Bussi im Marmorsaal des Unteren Belvedere etwa oder die Rolle von Bäumen im mythologischen Bildprogramm des Barock.

Ein eigens kuratierter Soundtrack taucht die einzelnen Räume in eine spezifische Klangatmosphäre: Nora Skuta interpretiert eine Sonate von John Cage; Kompositionen von Erik Truffaz, Arve Henriksen, David Kollar und anderen begleiten Besucher*innen durch die Ausstellung. Padhi Friebergers Schwarz-Weiß-Fotografien markieren die Soundstationen. Der Soundtrack ist über den Audioguide oder über die Museums-App Smartify abrufbar und kann im Shop als CD erworben werden.

GROW im Grünen Museum Belvedere: Die Ausstellung wurde im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit geplant. In der Umsetzung heißt dies, dass etwa auf Plastik und damit auf Klebebuchstaben verzichtet wurde. Wandtexte wurden mithilfe von Papierschablonen aufgemalt. Die Objektkärtchen sind aus Samenpapier gefertigt, bedruckt mit ökologisch abbaubarer Tinte. Auch auf kurze Transportwege wurde geachtet: Die Skulptur von Giuseppe Penone mit der weitesten Anreise kommt aus Turin, andere Werke stammen aus Österreich und den nahe gelegenen Städten Bratislava und Brno. Der Katalog zu GROW wurde CO2- neutral produziert.

Ein ergänzendes Rahmenprogramm widmet sich Themen wie dem Baum in der Musik, in der Religion, in der Philosophie, sein Vorkommen in der Art brut und allgemeinen Themen der Ökologie. Es beinhaltet mehrere Artist-Talks und ein umfangreiches Filmprogramm im Blickle Kino.

 

Belvedere

 

 

23.09.2022

Kategorie: Ausstellungen

Tags: Güres