Werner Feiersinger: Der Traum von einem Feentempel. 100 Jahre Salzburger Festspiele

Kapuzinerberg, Salzburg, 08.2020.–08.2021

Werner Feiersinger: Der Traum von einem Feentempel. 100 Jahre Salzburger Festspiele

Werner Feiersinger, Tafel, 2019–20

Künstlerische Interventionen zu nie gebauten Festspielhäusern

Zahlreiche in den vergangenen 130 Jahren angedachte Festspielhausprojekte wurden nicht realisiert. Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele werden vier dieser nicht gebauten Architekturprojekte durch künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum sichtbar und erlebbar gemacht: am Mönchsberg, im Schlosspark Hellbrunn, am Kapuzinerberg und im Mirabellgarten. Sie dokumentieren, wie sich die Festspielhäuser in die Stadt- bzw. Naturlandschaft eingeschrieben hätten. 

Tafel, 2019/20, Eine Intervention für den Kapuzinerberg

Ausgangspunkt der Intervention ist das Gipsmodell für ein Festspielhaus von Architekt Otto Reitter aus der Sammlung des Salzburg Museum, das den vorletzten Projektstand 1942 zeigt. Adolf Hitler hatte 1942 bei der projektierten Gauanlage auf dem Salzburger Kapuzinerberg entschieden, dass eine neue Lage für das Festspielhaus zu erarbeiten sei. So sollte dieses seinen Platz gegenüber dem von Architekt Otto Strohmayr entworfenen Gauhaus auf dem südöstlichen Abschluss des massiven Verbauungskomplexes bekommen. Otto Reitter richtete die Gebäudeachse auf die Festung Hohensalzburg aus, um damit die Präsenz der NS-Diktatur im Stadtbild zu erhöhen.

Der künstlerische Eingriff von Werner Feiersinger auf einer kleinen Lichtung im Buchenwald des Kapuzinerbergs ist einprägsam und gleichzeitig sehr reduziert. Ein Modell auf Basis des historischen Gipsmodells von 1942, jedoch etwas vergrößert, in Bronze gegossen und weiß beschichtet, wird auf einer ca. 2 x 6 Meter großen, vom Boden abgehobenen Fläche aus weiß lackiertem Stahlblech präsentiert. So entsteht eine bühnenartige Situation.

Die museale „Ausstellung“ wird in die Natur verlagert, die Proportionen werden verschoben und das Waldstück bildet einen maximalen Gegensatz zum artifiziellen und minimalistischen Objekt.

Es findet dabei eine Umkehrung statt: Das Festspielhaus-Modell ist in Relation zum Raum des Tisches sehr klein. Damit wird die beabsichtigte, monumentale Konzeption von Otto Reitter, der als Geste der Machtdemonstration einen überdimensionalen Baukörper in die Landschaft des Kapuzinerberges setzen wollte, ins Gegenteil verkehrt.

Der Abguss des Festspielhausmodells, isoliert als Miniatur am Rand der großen Tafel positioniert, thematisiert so den Größenwahn des NS-Regimes und zeigt den Gegenwartsbezug dieser Fragestellungen auf.

Die Intervention soll die Besucherinnen und Besucher überraschen und die Neugier wecken, sich auf die Geschichte des Ortes einzulassen. Das Objekt ermöglicht verschiedene Zugänge und lässt vielfältige Aneignungen und Interpretationen zu. Unweigerlich stellt man sich selbst in Relation dazu und tritt in diese artifizielle Situation ein.

Der Traum von einem Feentempel, Salzburger Festspiele

16.07.2020

Kategorie: Ausstellungen

Tags: Feiersinger