Nilbar Güres: Lovers

Badischer Kunstverein, 12.04.–23.06.2019

Nilbar Güres: Lovers

Nilbar Güreş, Non-Sex-Belt, 2014

Die Ausstellung Lovers der Künstlerin Nilbar Güreş ist die bislang umfangreichste Präsentation in Deutschland und zeigt Arbeiten von 2006 bis heute. In ihrer künstlerischen Praxis stellt Güreş tradierte Rollen- und Geschlechterverhältnisse konsequent infrage und verhandelt mögliche Formen einer Ermächtigung weiblicher und queerer Identität. Sie setzt auf Momente des Widerstands, die sich weniger radikal, als vielmehr subtil an den Rändern des alltäglichen Lebens abspielen. Dabei liegt ihrer Kunst ein spezifischer Humor, eine spielerische Ironie und Poesie zugrunde, die zunächst einen recht einfachen Zugang zu ihrem Werk suggerieren und erst auf den zweiten Blick eine konsequente Kritik an gesellschaftspolitischen Konventionen offenbaren.

Nilbar Güreş arbeitet in so unterschiedlichen Formaten wie Malerei, Fotografie, Film, Performance, Collage und Zeichnung. Es sind zumeist Frauen, die sich in ihren Werken solidarisieren, um ihre Lebenswelten in die bestehenden Systeme einzuschreiben. In den großformatigen Fotoserien TrabZONE (2010) und Çırçır (2010) bevölkern Protagonistinnen verschiedener Generationen reale Orte aus der Familiengeschichte der Künstlerin, die traditionell durch die Väter geprägt wurden. Nilbar Güreş entwirft alltäglich wirkende, aber durch minimale Verschiebungen durchaus rätselhafte, fast surreale Landschaften und Geografien, die jegliche Rationalisierung ad absurdum führen. In der Fotoserie Headstanding Totem, Wildness, Flower Face und Non-Sex-Belt (2014), die Güreş als Beitrag für die Biennale in São Paulo produzierte, wählte die Künstlerin spezifische Orte, die gemeinhin als besonders „exotisch“ bezeichnet werden, um Menschen zu portraitieren, die mehrere Identitäten repräsentieren – eine in der Gesellschaft der indigenen Kultur Südamerikas ehemals praktizierte Lebensweise.

Das textile Medium ist ein essentieller Fundus für die Künstlerin, aus dem sie für ihre Fotos, Collagen und Skulpturen schöpft, um Körperlichkeit und Körperpolitiken zu reflektieren. Ihr detailreicher Umgang mit Mustern und Stoffen ist ein produktives Mittel subversiver Aneignung. Auch in Nilbar Güreş neuen Arbeiten für die Ausstellung Shut (2019) und Blank Space (2019) spielen Stoffe eine zentrale Rolle und werden aus dem tradierten Repertoire der Handarbeit in die (trans*)genderpolitischen Erzählungen der Skulpturen übertragen. In den Collagen La Paz (2016) symbolisieren die eingearbeiteten Stoffe beispielweise die spezifische Landschaft und Kultur der Aymara, die als indigene und matriarchal strukturierte Gesellschaft in Bolivien deutliche Parallelen zur kurdisch-alevitischen Kultur in der Familie der Künstlerin aufweist.

Güreş künstlerische Praxis ist zudem im höchsten Maße performativ. Das verdeutlicht sich in ihren Fotos und Skulpturen sowie auf ihren Collagen und Zeichnungen, in denen eine anarchische Mischung aus verschiedenen bühnenartigen Arrangements ein präzises und überzeugendes Vokabular entwirft. Diese enge Verknüpfung von Materialästhetik und Performance zeigt sich bereits in der frühen Collage Self-Defloration (2006) – einem Schlüsselwerk der Ausstellung.

Wenn auch disruptiv, so lassen sich auch in diesen Collagen Motive zu Identität, Queerness, Sex und Komplizenschaft unter Frauen ablesen. Dazu die Künstlerin selbst: „Ich zeichne, wie Frauen über sich, ihre Identität, ihre Sexualität selbst bestimmen und dadurch ihre Umgebung und die damit verbundenen Räume sowie ihre Wünsche und Situationen strategisch verwandeln und verändern.“

Kuratiert von Anja Casser

Badischer Kunstverein

26.03.2019

Kategorie: Ausstellungen

Tags: Güres