Jun Yang

“We grew up believing we are the center of the world, seeing the world through the eyes we have, understanding the world through the mind and one view only – one understanding. We – I?“

Der Film The Center of the World (2012), der im Rahmen dieser Ausstellung in der ra´mien bar gezeigt wird, ist in vielerlei Hinsicht für Jun Yangs Arbeit programmatisch: Vor dem Hintergrund einer wachsenden Individualisierung in China setzt der Film „wir“ und „ich“, Gesellschaft und Individuum in Beziehung zueinander. Er spricht vom Zwang des einzelnen, Erfolg zu haben und von gesellschaftlichem Druck, von Hoffnung, aber auch Ernüchterung und mündet in Überlegungen, aus einem hoch kompetitiven System der Vereinzelung auszusteigen.

Mit „wir“ und „ich“ ist auch der Spannungsbogen von Yangs Arbeiten beschrieben. Seine Filme, Objekte, Installationen und Projekte kreisen um individuelle und kollektive Identitäten, die sich in einem latenten Konflikt befinden: in und mit sich, aber auch mit ihrem Umfeld. Verlust, Erinnern, Vergessen, Träume einer besseren Zukunft werden in Yangs frühen Filmen – wie etwa coming home – daily structures of life (2000); Camouflage – LOOK like them – TALK like them (2002–2004) – genauso thematisiert wie in der Trilogie: A Short-Story on Forgetting and Remembering (2007), Norwegian Woods (2008) und Seoul Fiction (2010), die aus Anlass der Einzelausstellung an zwei Abenden im Top Kino laufen. Die inhaltlich und formal verbundenen Filme zeigen die jeweiligen Protagonisten in transitorischen Situationen und beschreiben persönliche bzw. gesellschaftliche Veränderungen. Vor allem China / Taiwan und Korea, als sich in relativ kurzer Zeit rapide transformierende Gesellschaften, stehen immer wieder im Fokus von Yangs Interesse.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben, der Glauben an utopische Versprechungen, das Verhältnis von Ideal und realen Lebensumständen mit allen daraus resultierenden Friktionen spielen auch in der Werkserie Paris Syndrome eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Ausstellung in der Galerie Martin Janda werden Teile daraus gezeigt und neu formatiert. Der Titel Paris Syndrome bezieht sich auf ein Trauma japanischer TouristInnen, die von ihrem ersten Paris-Besuch so enttäuscht sind, dass sie erkranken. Yangs Serie nimmt ihren Ausgangspunkt bei der von Traumbildern gespeisten Sehnsucht nach einer heilen und perfekten Welt, der Differenz zu den jeweiligen Lebensrealitäten und den Versuchen, diese Kluft zu überbrücken. Weder Pflanzen, Materialien, Möbel noch ganze Architekturen sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: Sie sind „fakes“ (Imitationen), die allerdings auf den zweiten Blick eine eigenständige Qualität entfalten.

Sämtliche Projekte von Yang verbindet die Frage, wie und wo individuelle Vorstellungen und gesellschaftliche Agenden aufeinander prallen und wie und wo sie sich begegnen können. So beschränkt sich auch die Erzählung im eingangs erwähnten Film The Center of the World nicht auf die individuelle Geschichte des Protagonisten, sondern diese wird mit politischen Kämpfen in Griechenland, den USA und Szenen von Unruhen in China (Xinjiang) verbunden, mit Szenen, in denen Kontrolle versagt und Bruchstellen im gesellschaftlichen Gefüge entstehen. Das Aufeinandertreffen von gesellschaftlichen Agenden und Einzelinteressen wird in einer Reihe von

Yangs Projekten im öffentlichen Raum – proposal for a public space – a cinema, Sharjah (2012) oder St. Reinoldi Kirche Dortmund Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010 – besonders deutlich, wobei die Akzeptanz von Heterogenität und Differenz die Basis für die Schaffung eines gemeinsamen Raumes bildet, auch wenn dieser noch so temporär ist. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang sein Beitrag für die Taipei Biennale 2008, a contemporary art centre, taipei (a proposal), der letztlich in die Gründung des Taipei Contemporary Art Centers mündete. Yang gelang es mit diesem Projekt, verschiedene, auch rivalisierende Vertreter der taiwanesischen Kunst- und Aktivistenszene zu einem mehrjährigen, gemeinsamen Nachdenken über ein mögliches zeitgenössisches Kunstzentrum zu gewinnen.

Mit ra´mien (2002), ra´mien bar (2002), ra´an (2003) und ra´mien go (2010) hat Yang wiederum in teilweiser Zusammenarbeit mit der Architektin Sophie Thalbauer einen räumlichen Rahmen geschaffen, der interkulturelle Auseinandersetzungen geradezu provoziert. In Ausrichtung, Ausstattung und auch den Menüs begegnen sich verschiedene Traditionen (von Wiener Moderne über asiatische Straßenküchen bis hin zu amerikanischem Fast Food) und Funktionen (Restaurant, Bar, Schnellimbiss). Streng geometrische architektonische Settings und Designs stehen dabei in Kontrast zu traditionellen Interieurs, deren klischeehaft anmutende Motive, Formen und Farben – wie etwa in der ra´mien bar – neu kontextualisiert werden. Die einzelnen Elemente vermischen sich nicht; sie bleiben unterscheidbar und treten in Dialog zueinander, aber auch zu den kulturellen Erwartungen und Vorstellungen der Gäste. Eine Plakatserie in der Galerie Martin Janda stellt diese Projekte in einer eigens für die Ausstellung entwickelten Inszenierung von Yang vor.

Dass sich die Ausstellung von der Galerie auf das Top Kino und die ra’mien bar ausdehnt ist in mehrerlei Hinsicht konsequent: Film und Kino sind wichtige Bezugspunkte für Yang, die ra’mien bar wurde ihm gestaltet; darüber hinaus finden sich an all diesen Orten künstlerische und kommerzielle Interessen Seite an Seite. Vor allem letztgenannter Aspekt, das Verhältnis von Kunst und Wirtschaft, ist in den letzten Jahren in den Vordergrund von Yangs künstlerischen Arbeit gerückt, wobei er sowohl bei den oben erwähnten Restaurant-Projekten als auch beim Café Paris Syndrom (2007–2010), Hotel Paris Syndrom (seit 2010) und dem gfzk garten, (2006–2011) (alle: Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig) verschiedene Auffassungen von Profit, Profitabilität, Funktionalität und Effizienz ineinander schiebt und einen Diskurs darüber eröffnet.

Jun Yang arbeitet seit 1998 mit der Galerie Martin Janda. Es ist seine Wiener Galerie, neben Vitamin Creative Space in Guangzhou / Beijing und ShugoArts in Tokyo. Die Wahl der Galerien spiegelt ein Stück weit seine Biographie: In China geboren, aufgewachsen in Wien, teilt Yang heute seine Zeit zwischen Wien, Taipei und Yokohama. Seine Arbeiten umfassen Film, Installationen, Performances und Projekte im öffentlichen Raum. Yang ist Co-Gründer des Taipei Contemporary Art Center. Mit seinem Bruder Tie Yang und einem Freund, Dong Ngo, gründete er in Wien das Restaurant und die Bar ra’mien (2002) und die Imbiss-Kette ra’mien go (2012). Vor kurzem wurden mitte Café und Gyoza Brothers eröffnet.
Jun Yang ist der 25. Msgr. Otto Mauer Preisträger (2005). International hat er an zahlreichen Biennalen teilgenommen (Manifesta 2002, Venedig 2005, Liverpool 2006, Taipei 2008 und Gwangju 2012).
Zur Ausstellung erscheint mit The Monograph Project die erste Monografie von Jun Yang, herausgegeben von Barbara Steiner und gestaltet von Oliver Klimpel. Biographisches Schreiben wird, konsequent weitergedacht, selbst zum Gegenstand der Untersuchung. Die Monographie erscheint in zwei Teilen mit jeweils drei Bänden in 2015 und 2017. 

Barbara Steiner