curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient

09.09.–22.10.2022

Ciprian Muresan, Goshka Macuga, Mangelos, Roman Ondak
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Mangelos, Roman Ondak
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Mangelos, Roman Ondak, Tania Pérez Córdova
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Roman Ondak
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Tania Pérez Córdova, Goshka Macuga
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Roman Ondak, Mangelos, Goshka Macuga
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manual Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Ciprian Muresan, Roman Ondak
Ausstellungsansicht, curated by Asier Mendizabal: Reroute—Reorient, Galerie Martin Janda, 2022
Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Goshka Macuga
International Institute of Intellectual Co-operation, Configuration 27, End of God: Madame Blavatsky, Giovanni Pico Della Mirandola, Monster of Frankenstein, Rabindranath Tagore, Charles Darwin, 2016
Bronze
Overall dimensions 330 x 195 x 390 cm, Courtesy Goshka Macuga and Galerie Rüdiger Schöttle. Foto: Manual Carreon Lopez, kunstdokumentation.com

Ciprian Muresan
Untitled (Portrait), 2021
Epoxidharz
33 x 24 x 14 cm, Courtesy der Künstler und Plan B Cluj, Berlin, Foto: Manuel Carreon Lopez / kunstdokumentation.com

Roman Ondak
Parallel Worlds, 2022
Acryl auf Holz
21 x 31 x 8 cm

Ciprian Muresan
All the Images from the Complete collection catalogue of S.M.A.K. 2, 2019
Bleistift auf Papier, Courtesy der Künstler und Plan B Cluj, Berlin. Foto: Travor Good

Roman Ondak
Fluid Border, 2022
Acryl und Tinte auf Postkarten
12 x 22,5 cm

Roman Ondak
Fluid Border, 2022
Acryl und Tinte auf Postkarten
13,8 x 20,4 cm

Mangelos
Hamurabi Manifesto / Manifest Hamurabi, m. 8 , 1971–1977
Acryl auf Holzplatte
61,3 x 44 cm

Goshka Macuga
Discrete Model 007, 2019
Collage
59,4 x 42 cm, Courtesy Goshka Macuga und Galerie Rüdiger Schöttle.

Mangelos
Energia, m.8, 1971–1977
Acryl auf Holz
45 x 62,5 cm

Tania Pérez Córdova
Contour #12, 2021
Bronze in Sand gegossen
150 x 100 x 2 cm

Goshka Macuga
Discrete Model 005, 2019
Collage
59,4 x 42 cm, Courtesy Goshka Macuga und Galerie Rüdiger Schöttle.

Roman Ondak
Fluid Border, 2022
Acryl und Tinte auf Postkarten
20,3 x 14,8 cm

Ciprian Muresan
All the Images from the Complete collection catalogue of S.M.A.K. 4, 2019
Bleistift auf Papier
150 x 185 cm

Mangelos
Manifest o mišljenju no. 1 / manifesto on thinking no. 1, c.1977–1978
Acryl auf Holzplatte
44,2 x 35 cm

Roman Ondak
Erased Wing Mirror, 2013
Gefundene Plastiklandkarte, gefundene Schablone eines Außenspiegels
84,5 x 96,5 x 6 cm

curated by Asier Mendizabal  Exhibition tour with Asier Mendizabal, 2022

curated by Asier Mendizabal
Exhibition tour with Asier Mendizabal, 2022

curated by Asier Mendizabal
Exhibition tour with Asier Mendizabal, 2022

Eröffnung: Freitag, 9. September & Samstag, 10. September 2022, 12−18 Uhr
Dauer der Ausstellung: 9. September bis 22. Oktober 2022

Die Galerie Martin Janda zeigt im Rahmen von curated by 2022 – KELET die von Asier Mendizabal kuratierte Ausstellung Reroute—Reorient mit Werken von Goshka Macuga, Mangelos, Ciprian Muresan, Roman Ondak und Tania Pérez Córdova.

Haben wir uns verirrt, sind wir verwirrt oder schockiert, so verspüren wir das Bedürfnis, uns neu zu orientieren. Mit diesem Wort meinen wir die Anpassung an eine neue Situation, die durch eine plötzliche, unvorhersehbare oder unbegreifliche Veränderung entstanden sein kann. Der Begriff, sich neu zu orientieren oder neu auszurichten, bezieht sich natürlich auf eine räumliche Vorstellung. Indem wir eine Hauptrichtung (wie etwa Osten, Norden...) neu bestimmen, verorten wir uns in einer Position in Bezug auf unsere räumliche Umgebung, metaphorisch aber auch auf eine ungewisse Gegenwart.

Die räumliche Metapher der Neueichung eines Kompasses hat indes nichts mit den Verfahren zu tun, mit denen die heutigen Computernavigationssysteme orientieren, sollte man vom Weg abkommen. Ihr Rerouting – ein Ausdruck, den GPS-Systeme für ihre Wegekorrekturen populär gemacht haben, die deterministisch durch Datensammlung berechnet werden – ist etwas anderes als Reorienting. Rerouting bezeichnet eine Kalkulation aller möglichen Straßen, Wege und Pfade, nachdem man falsch abgezweigt ist, als seien diese alle gleichzeitig verfügbar und es einzig eine Frage der Rechenleistung, den richtigen zu finden. Die Grundlage ist hier also keine Richtungsvorstellung, die ja immer ein räumliches Ziel voraussetzt – wie es bei der menschlichen Orientierung offenbar der Fall ist –, sondern vielmehr das wahllose Abtasten aller möglichen Verzweigungen, ein Herauspräparieren von Linien aus einem an sich richtungslosen Netz.

Dehnen wir diesen Vergleich auf die globalen Ereignisse aus, die unsere Gegenwart als ungewiss und wirr kennzeichnen, müssen wir wohl schließen, dass die optimistische, technisierte Navigationsmethode mittels Rerouting auf einer naturalisierenden Ideologie beruht, die der Pragmatik geschuldet ist. Oder umgekehrt, dass wir das Vertrauen in einen gültigen Ankerpunkt, auf den wir unser Streben wie auf eine imaginäre Flugbahn ausrichten könnten, verloren haben.

Linien als Trajektorien oder Vektoren, aber auch als Verbindungselemente und Grenzen sind wiederkehrende Elemente in den Werken, die in dieser Ausstellung gezeigt werden. Sie entsprechen den drei wichtigsten Funktionen von Linien in Diagrammdarstellungen: Projektion, Verbindung und Abgrenzung. Alle drei implizieren eine Beziehung zwischen zwei Entitäten: eine gegebene Position und ein Ziel verbunden durch einen Vektor, zwei durch ein Verbindungsstück verbundene Elemente oder zwei getrennte Ebenen nach einem Schnitt. Die Linie vermittelt also zwischen Dichotomien, gehört indes selbst keiner ihrer beiden Seiten an. Eine Zeitachse, zwei verbundene Einheiten oder zwei getrennte Flächen implizieren eine diametrale Verbindung zwischen zwei Dingen und damit eine Spiegelverhältnis oder eine Schwelle.

Janus, der römische Gott der Türen und Schwellen, wird immer als Doppelgesicht dargestellt, das in zwei entgegengesetzte Richtungen zugleich blickt. Nach hinten und nach vorne, nach innen und nach außen, in die Zukunft und in die Vergangenheit. Er steht für die genaue Umkehrung eines Spiegels. Während die Spiegelung des eigenen Gesichts in einer Oberfläche eine nach innen gewandte, introspektive Illusion erzeugt, schaffen die nach außen gewandten Gesichter in den Janus-Darstellungen eine Achse just dort, wo sich die Blicke nicht begegnen können. Die Grenze zwischen den Köpfen ist also schwer fassbar. Und nicht darstellbar. Vielleicht hat Janus ja deshalb auch den Vorsitz bei Verhandlungen um Krieg und Frieden.

Das International Institute of Intellectual Co-operation (2016) von Goshka Macuga besteht aus Porträts, durch Stäbe verbunden, die wie in einem Diagramm Beziehungen zwischen ihnen herstellen. Unklar bleibt dabei, ob diese Linien die Gesichter verbinden oder trennen, aber wie der vielgestaltige Janus können auch sie sich nicht gegenseitig anblicken. Der Titel der Gesamtserie sowie die Untertitel für die hier gezeigte neue Zusammenstellung (nämlich End of God: Madame Blavatsky, Giovanni Pico Della Mirandola, Monster of Frankenstein, Rabindranath Tagore, Charles Darwin) lenken die Deutung auf die historisch immer wiederkehrende Utopie, dass Kulturtransfers und kulturelle Beziehungen notwendigerweise Frieden und Stabilität fördern. Die ambivalente Funktion der Verbindungsstangen, die die Porträts verbinden und zugleich trennen, verweist analog auf die Unmöglichkeit einer Achse oder Schwelle beim Januskopf.

Wenn Ciprian Muresan in Untitled (Porträt) (2021) Teilabgüsse von Büsten überlappen lässt, so verdichtet sich die vielschichtige Struktur der Konstellation zu einem ganz ähnlichen Paradoxon. Diese Methode der Überlappung findet sich in Muresans Werk immer wieder, vor allem in seinen Linienballungen, die, einem Palimpsest gleich, Schichten dessen erkennen lassen, was in der ursprünglichen Form hintereinander angeordnete Seiten eines Buchs wären (All the Images from the Complete collection catalogue of S.M.A.K., 2019). Muresan schafft hier eine räumlich paradoxe Darstellung der Zeit, sowohl durch Überlappung und Transparenz als auch durch Verteilung von Linien auf dem Bildträger, die im Ergebnis an eine Landkarte erinnern.

Die Hohlform eines Rückspiegels, den Roman Ondak mit seinem Werktitel Erased Wing Mirror (2013) verrät, verunmöglicht ebenso die Spiegelung unseres Gesichts und verweist damit auf die Unmöglichkeit, uns nicht nur als andere/r zu sehen, sondern auch zurückzublicken, denn schließlich ist das der Zweck eines Rückspiegels. Montiert auf eine Reliefkarte, evoziert der fehlende Spiegel die Vorstellungen von Reisen und Grenzen, die nicht nur unweigerlich mit einer zeitlichen Dimension assoziiert sind, sondern auch mit der Schwierigkeit, sich ohne historische Perspektive zu orientieren. Mit seiner neuen Arbeit Parallel Worlds (2022) kehrt Ondak, wenn auch weniger explizit, zum Motiv des Spiegels zurück. Es handelt sich um zwei korrespondierende Darstellungen eines Globus. Die in die Globen eingravierten Linien, die die Längen- und Breitengrade des geografischen Koordinatensystems darstellen, überschneiden sich mit den konzentrischen Wachstumslinien eines Baumstammes. Die idealisierte Form geografischer Darstellungen kontrastiert mit der natürlichen Beschaffenheit eines organisch gewachsenen Baums. Nicht unähnlich zieht Tania Pérez Córdovas Contour #12 (2021) Schwellen, indem sie Bronze in die Linien einer Sandform gießt, die – weit entfernt von ihrer diagrammatischen Abstraktion – über ihre Grenzen hinauswuchern.         Die Linien von Notizbüchern, die allen gemalten Manifesten von Mangelos zugrunde liegen, wirken ähnlich unvollkommen. Zögerlich und vage scheinen sie beinahe die Funktion zu verfehlen, die Kalligraphien des Künstlers an eine Systematik zu binden. Die rhythmische Linienführung, die die Handschrift auf diesen Werken auszeichnet (Hamurabi Manifest, Energia, Manifesto on Thinking No. 1, alle zwischen 1971 und 1978), ist dabei nicht weniger wichtig als die abstrakte Schablone, die diese normieren soll, indem sie sie einer parallelen Linienanordnung unterwirft.  

Asier Mendizabal       

 

Goshka Macuga, geboren 1967 in Warschau (POL), lebt und arbeitet in London (UK).
Mangelos, geboren1921 in Šid (SRB), gestorben 1987 in Zagreb (HR).
Ciprian Muresan, geboren 1977 in Dej (ROU), lebt und arbeitet in Cluj (ROU).
Roman Ondak, geboren 1966 in Zilina (SK), lebt und arbeitet in Bratislava (SK).
Tania Pérez Córdova, geboren 1979 in Mexico City (MX), lebt und arbeitet in Mexico City (MX).

Asier Mendizabal (1973) ist ein Künstler, der in Bilbao und Stockholm lebt und arbeitet, wo er Professor am Royal Institute of Art ist. Seine Arbeiten wurden in der Reina Sofía, im Kunstverein Düsseldorf, im Culturgest und in der Secession sowie auf den Biennalen von Venedig, Sao Paulo und Taipeh ausgestellt. Ein wichtiger Teil seiner Praxis ist das Schreiben. Er war Mitinitiator der Kunstpädagogikprojekte Kalostra und JAI.