curated by Francesco Pedraglio: To Do Without So Much Mythology

04.09.–02.10.2021

Beth Collar
Thinking Here Of How The Words Formulate Inside My Head As I Am Just Thinking (4), 2016–18
lime-wood, cosmetics. Image courtesy of Waldo, Maine

Ausstellungsansicht, Galerie Martin Janda, 2021
Foto: Kunst-Dokumentation.com

Sophie Jung
The Queen, 2020
the ancient regime’s lower half (fabric), hyena’s tail
270 x 110 x 40 cm

Simon Dybbroe Møller
Untitled, 2021
pipes & flutes
Foto: Kunst-Dokumentation.com

Kostis Velonis
The Bubble Machine, 2021
acrylic, oil, pencil, ink and pastel on canvas
100 x 100cm

Lukas Thaler
A Disguised Form of an Old Toad (Shirime), 2020
mortar, plaster, cast marble, acrylic, fibre-reinforced foam board, oak frame
47 x 61.5 x 2 cm

Ausstellungsansicht, Galerie Martin Janda, 2021
Foto: Kunst-Dokumentation.com

Ausstellungsansicht, Galerie Martin Janda, 2021
Foto: Kunst-Dokumentation.com

Mit Werken von Beth Collar, Simon Dybbroe Møller, Sophie Jung, Lukas Thaler, Kostis Velonis.
Und gesprochenen Werken von Bob Kil, Paul Becker, Holly Pester, Luis Felipe Fabre, Sarah Tripp. 

Eröffnung: Samstag, 4. September & Sonntag, 5. September 2021, 12–18 Uhr
Dauer der Ausstellung: 7. September bis 2. Oktober 2021

Die Galerie Martin Janda zeigt im Rahmen von curated by 2021 – COMEDY die von Francesco Pedraglio kuratierte Ausstellung To Do Without So Much Mythology.

Stellen Sie sich eine Live-Comedy-Show vor. Eine Routine, wie man so sagt. Stellen Sie sich vor, sie beginnt wie immer mit dem gleichen, allbekannten Lied. Ein Lied zum Mitsummen. Ein Lied, das sie gewiss schon gehört haben, wenngleich Sie den Sänger oder die Sängerin nicht kennen. Da erscheint eine Frau oder ein Mann auf der Bühne. Die Musik wird flotter, fast zum Tanzen. Die Frau oder der Mann schreitet über die ganze Bühne, winkt und ruft begeistert in die Menge, die ganz hysterisch applaudiert. Sie oder er erreicht das Mikro. Hallo, alle zusammen ... Danke fürs Kommen. Oder besser noch: Hallo Wien! Oder: Wien, wie geht’s? Vom Mikro verstärkt hallt ihre oder seine Stimme durch den ganzen Saal, das jubelnde Publikum grüßt zurück mit allem, was es hat. Und jetzt geht’s los. So muss es ja losgehen. Jedes Mal. Immer. Denn eine Comedy-Show ist nichts anderes als ein Ritual. Es beruht auf einem unausgesprochenen Vertrag, einer vorrationalen Vereinbarung zwischen Sprecher*in und Zuschauer*in. Der Kern der Sache ist: Um zu überraschen, zu begeistern, um zu erschrecken, aufzuregen, etwas gefühlsmäßig rüberzubringen oder einfach nur um zu amüsieren, brauchen wir eine gemeinsame Grammatik. Wir brauchen eine Art Zeremonie. Liturgische Harmonie. Hallo zusammen und danke fürs Kommen. Applaus. Hallo Wien! Applaus. Erst jetzt ist der Vertrag unterzeichnet. Ab jetzt gehört man zusammen. Der/die Showmaster*in und das Publikum. Wir. Allesamt Kompliz*innen. Aber ja – auch ich finde, es wäre besser, wir kämen mit weniger Mythen aus, aber so läuft es nun mal nicht. Sie und ich wissen, dass es so nicht läuft.

Und was hat all das mit Kunst zu tun? Keine Ahnung... aber wetten, eine ganze Menge. Comedy ist nur ein perfektes Beispiel. Comedy ist ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft, das anders abläuft als bewusst logisches Denken. Denn wie der Mythos ist auch Comedy eine Form des Geschichtenerzählens, durch die man sich selbst und die Wirklichkeit begreifen kann... die Bedeutung, Ängste, Freuden oder Sorgen gibt und nimmt. Warum also nicht das Komische (und sein Gegenstück, das Tragische) als Kategorie des mythischen Denkens verstehen, das das menschliche Verhalten jahrhundertelang beherrscht hat.

Der Mythos als ein Wissen, das in sich souverän ist und Weiterentwicklung weder braucht noch auch nur toleriert. Der Mythos als Konstruktion aus Varianten, aus Abänderungen des immer Gleichen.

Und vor allem: Der Mythos als „Denken in Bildern“, als Parallelwissen.

Mit der Moderne und dem wissenschaftlichen Denken musste der Mythos an die Ränder des Geschichtenerzählens ausweichen... ins Seltsame, ins Unheimliche, sogar ins Morbide. Und vielleicht findet man heute Reste des mythischen Denkens auch im trüben, vorlogischen Wasser, auf dem unser Erleben des Komischen und Tragischen schwimmt... zwei Bereiche, die von Gefühlen, Gewohnheiten und Archetypen geprägt sind.

Noch einmal: Was hat all das mit Kunst zu tun? Viel! Deshalb haben Sie hier zwei Ausstellungen, die parallel verlaufen. Eine davon ist sichtbar (und umfasst Werke von fünf Künstler*innen: Beth Collar, Simon Dybbroe Møller, Sophie Jung, Lukas Thaler und Kostis Velonis), die andere unsichtbar (mit Sprechstücken der Autor*innen und Künstler*innen Bob Kil, Paul Becker, Holly Pester, Luis Felipe Fabre und Sarah Tripp). Die erste ist stumm, die zweite gesprochen. Die eine wird zum Schatten der anderen, und doch sind beide vollkommen miteinander austauschbar. Wie zwei Seiten derselben Münze, wie die immer mit der Komödie zusammengehörige Tragödie. Stumme Objekte und körperlose Worte – doch beide gehen vom Komischen als mythische Denkkategorie aus, als etwas, das nur Praxis ist, vorrationales Denken, das zwischen Begriff und Objekt noch nicht unterscheidet. Und doch existiert hier alles nur dank einer Übereinkunft – zwischen dem, was zu sehen übrig ist, und denen, die es sehen.

Ich habe nicht wirklich eine Antwort auf meine Frage. Auch ich weiß nicht genau, was all das mit Kunst zu tun hat. Aber ich finde, genau das ist die Ausstellung.

Francesco Pedraglio

 

Beth Collar, *1984 in Cambridge (UK), lebt und arbeitet in Berlin (DE).
Simon Dybbroe Møller, *1976 in Aarhus (DK), lebt und arbeitet in Berlin (DE).
Sophie Jung, *1982 in Luxembourg (LX), lebt und arbeitet in London (UK) und Basel (CH).
Lukas Thaler, *1989 in Hall in Tirol (AT), lebt und arbeitet in Wien (AT).
Kostis Velonis, *1968 in Athens (GR), lebt und arbeitet in Athens (GR).

Francesco Pedraglio ist Künstler, Schriftsteller und Herausgeber und lebt in Mexico City. Ausstellungen und Performances u. a. im GAMEC Bergamo (Italien, 2020); Norma Mangione Gallery, Turin (Italien, 2019); Kettle's Yard, Cambridge (UK, 2018); Netwerk Aalst, Aalst (Belgien, 2017); Kunstverein München (Deutschland, 2017); CRAC Alsace (Frankreich, 2017).

Eine Sammlung von Gedichten, Kurzgeschichten und Performance-Skripts mit dem Titel Battles – Vol. I wurde im Sommer 2021 bei Book Works (London, UK) veröffentlicht. Spoken Sculptures, eine Sammlung von fünf Skripts für Skulpturen, wurde 2018 bei Juan de la Cosa / John of the Thing (Mexiko) publiziert. Sein Roman A Man in a Room Spray Painting a Fly (or at least trying to) erschien 2014 bei Book Works (London, UK). Zusammen mit der Künstlerin Tania Pérez Córdova betreibt Pedraglio das Verlagsprojekt Juan de la Cosa / John of the Thing.

 

curated by-Führung | vor Ort und per Livestream unter curatedby.at
Sonntag, 5. September, 12.00 - 12.15 Uhr

Künstlergespräch mit Simon Dybbroe Møller
Sonntag, 5. September, 15 Uhr

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